brudervomweber 2010-01-17
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Der unglaubliche Hulk ist einer der Comic-Superhelden der ersten Stunde, die Marvel Anfang der sechziger Jahre parallel zu Comic-Legenden wie Spider-Man, Iron Man oder den Fantastic Four geschaffen hat - lange Jahre war er für mich persönlich auch einer der spannendsten, weil zerrissensten Helden des Marvel-Comic-Universums.
Anders als die übrigen Helden, die zwar mit ihrer körperlichen Verwandlung in einen Mutanten zu kämpfen hatten, aber immer noch Herr (oder Frau) über ihre neu gewonnenen, übermenschlichen Fähigkeiten waren, sind Bruce Banner/Hulk die Comic-Reinkarnation von Robert Louis Stevensons Dr. Jeckyll & Mr. Hyde, das Drama des Kontrollverlustes schlechthin, die Medaille und ihre Kehrseite, moderne Wissenschaft und urtümlicher Instinkt in einem Leib zusammengezwungen. Die Kämpfe, die der Hulk auszufechten hatte, waren nicht immer nur physischer Natur, sondern häufig auch und gerade ein psychisches Duell um die Vorherrschaft über diesen zweigeteilten Körper. Dieser innere Widerstreit hat dem Hulk im Comic einer Fülle von Wandlungen unterworfen, vom knallgrünen, allein als Instinktmonster agierenden Hulk der frühen Comics über einen intelligenten, von Doktor Banner kontrollierten und gesteuerten Hulk-"Professor" bis hin zu einer tatsächlichen physischen Trennung der beiden Kontrahenten, die nun statt unter dem Feind ihm eigenen Körper zu leiden mit dem Phantomschmerz bzw. der verlorengegangenen Kontrolle über das Alter Ego zu kämpfen hatten. Der Hulk verkauft sich immer noch gut, und zwar deshalb, weil die Macher bei Marvel ihn immer wieder neu erfunden haben.
Das kann man von der Neuauflage des Hulk für die große Leinwand nicht unbedingt sagen. Man mag über Ang Lees Adaptation des Stoffes für die große Leinwand die Nase gerümpft haben, man mag seine Änderungen in Vorgeschichte und Umsetzung des Stoffes als Blasphemie werten, man mag den Schluss hassen oder nicht verstanden haben (ich zumindest habe ihn immer noch nicht wirklich "gesehen", weil dort alles so dunkel und vage ist), aber man kann schlechterdings nicht von der Hand weisen, dass die Psychologie in der ersten Verfilmung einen deutlich zentraleren Stellenwert hatte, als dies in der vom ausgewiesenen "Action-Spezialisten" Louis Leterrier der Fall ist.
Und das kann eigentlich auch nicht verwundern: In Ang Lees Filmographie finden sich Filme wie Sinn und Sinnlichkeit, Der Eissturm oder Brokeback Mountain, allesamt narrativ starke, emotionale Filme, die über Befindlichkeiten, seelische Zustände und gesellschaftliche Zwänge erzählen. Louis Leterrier erzählt hauptsächlich über Peng, Krach und Bumm, in seiner noch sehr kurzen Schaffenliste geben Transporter 2 und der gerade von ihm neuaufgelegte Kampf der Titanen den Ton an.
Aus diesem Grund lässt sich definitiv sagen: Was die Action-Sequenzen angeht, ist Leterriers HULK-Interpretation weit vorne, die CGI beeindruckt durch allerlei Schauwert und weiß auch, wie sie sich selbst und ihre Neuerungen ins rechte Licht rückt. Wer Hulk sehen will, der kann sich hier sattsehen. Allerdings passiert nicht viel mehr, als dass Hulk läuft, springt, klettert, schlägt, geschlagen und beschossen wird usw. usf. Gegen diesen übermächtigen Fokus auf das Physische kann auch der mit Edward Norton namhaft besetzte Bruce Banner nichts ausrichten - und gerade angesichts der Tatsache, dass Norton in Finchers Fight Club eine seelische Zerrissenheit bereits einmal unvergleichlich besser performt hat, ist er hier eine herbe Enttäuschung. Im direkten Vergleich steckt ihn Eric Bana locker in die Tasche, nicht unbedingt, weil er der bessere Schauspieler wäre, sondern weil ihm Lees Inszenierung den Raum gab, seiner Figur diese dritte Dimension emotionaler Tiefe zu verleihen. Das einzige, was in Leterriers Hulk in der dritten Dimension passiert, ist Bewegung in die Tiefe des Raumes. Laufen, springen, werfen ... siehe oben. Auch der verbissen-zerrissene General Ross bleibt blass, sein Darsteller William Hurt ebenso sträflich unterfordert wie Tim Roth, dessen "Bösewicht" Blonsky von der ersten Minute an aufgesetzt und zweidimensional wirkt.
Auch erzählerisch ist The Incredible Hulk kein Glanzstück. Der zentrale Konflikt, auf den der Film zuläuft, ist die finale handfeste Auseinandersetzung zweier monströser Mutanten. Die Motivation des Soldaten Blonsky, sich zum Supersoldaten umbauen und letztlich in die Monstrosität namens "Abomination" verwandeln zu lassen, wird jedoch niemals wirklich plausibel, ebensowenig wie die Grundlage der Entscheidung Banners, von seiner "Oh Gott, ich darf mich nicht verwandeln, ich habe keine Kontrolle und mache alles kaputt"-Attitüde in eine "Ich muss mich verwandeln, um das Monster aufzuhalten (obwohl ich weiterhin keine Kontrolle habe und alles kaputtmachen könnte)" nachvollziehbar wird. Die Handlung des Films ist wahrlich nicht komplex, aber dazu ist sie auch noch unausgegoren. Da retten auch einige Insider-Gags und Miniauftritte von Stan Lee (der in keinem Marvel Film fehlen darf) und dem TV-Serien-Hulk Lou Ferrigno nicht wirklich.
Und auch wenn der Hulk am Ende mehr Text hatte als Arnold Schwarzenegger im ersten Terminator, eine wirkliche Weiterentwicklung bleibt nur als blasser Hoffnungsschimmer einer Fortsetzung am Horizont erhalten, die - vergleichbar zu Bryan Singers X-Men - in der hier erzählten Geschichte zarte Andeutungen erfährt [Achtung, SPOILER]: die Avengers a.k.a die Rächer, deren Gründung werbewirksam der als Tony Stark auftretende Robert Downey jr. am Ende orakelt, der superintelligente Leader, in welchen sich möglichwerweise ein von Banners Blut "infizierter" und von Tim Blake Nelson gespielter Wissenschaftler verwandelt und der als einer der nächsten Gegner des Hulk in Frage käme (ich habe doch geschrieben, SPOILER!), oder Banners sich gegen Ende andeutende Kontrolle über die Verwandlung in den Hulk [SPOILER Ende].
"Hulk smash!" stellt der grüne Hüne in der finalen Auseinandersetzung mit Abomination fest, nachdem sein grünes Sprachzentrum - offenbar stimuliert durch wiederholte Schläge auf den Hinterkopf - aktiviert wurde. Als Action-Spekakel ist The Incredible Hulk zufriedenstellendes Popcorn-Kino, als CGI-Orgie wirklich state-of-the-art. In der Reihe der Marvel-Verfilmungen aber und insbesondere auf der Grundlage dessen, was der Comic aus der Hulk-Prämisse herausgeholt hat, kann ich nur feststellen: "This Hulk not smash!" Ebensowenig übrigens wie diese DVD, die bis auf drei B-Movie-Programmtipps und den Originalton nichts im Gepäck hat. Und auch, wenn es dem Hulk nicht gefällt, mehr als zwei Sterne hat er dafür nicht verdient.