dercheftipper 2005-08-16
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Joachim Witt - diesen Namen verbinden die Meisten Musikhörer nur mit dem NDW Hit "Der Goldene Reiter" aus den 80ern. Doch als Joachim Witt 1998 aus den untiefen der Versenkung wie Phönix aus der Asche auftaucht, kehren ihm die Meisten NDW-Fans mit schaudern den Rücken. "Bayreuth 1" heißt sein Comeback-Werk. Dass Richard Wagner einen besonderen Einfluss auf Witt hat, zeigt nicht nur der Albumtitel, sondern auch der düstere, schwerfällige und intensive Stil der Musik. Für Menschen mit sanftem Gemüt ist die Platte nicht unbedingt geeignet.
Gleich im ersten Song "Das jüngste Gericht", dessen treibender Rhythmus dem Hörer die Illusion vermittelt, an einem Regentag vom Sturm durch herbstliche Straßen geschleudert zu werden, wird die düstere Grundstimmung deutlich. Das Lied ist zwar schnell, aber trotzdem düster, was schon die erste Strofe zeigt: "Blind und Taub zum sterben geboren/Hetzt der Wind durchs modernde Laub/Liebeskrank in der Hoffnung verloren/hat die Angst eine Brücke gebaut". Sehr mystisch und mit tiefer Stimme macht Witt klar, wo es auf "Bayreuth 1" langgeht.
"Das geht tief", die insgesamt dritte Single aus dem Album ist zwar mit einem eingängigen Techno-Beat unterlegt, aber irgendwie will (zumindest bei mir) der Funke nicht richtig überspringen. Zwischenzeitlich wird mit der recht langweiligen Klangwolke "Träume, die kein Wind verweht" ein echter Tiefpunkt erreicht. Der hypnotische Refrain nervt mit der Zeit einfach.
Dann "Die Flut". Das Duett mit Wolfsheim-Frontmann Peter Heppner ist die erste Single aus dem Album und erreicht sensationell Platz 2 der Charts. Tatsächlich ist der Titel auch der absolute Übersong auf einem ansonsten soliden Machwerk. Joachim Witt's tiefe Stimme gepaart mit Heppner's melancholischem Gesang und ein unheimlich intensiver, berührender Refrain machen diesen Song aus. Diese Single drängt Witt damals auch in die Ecke der "Neuen Deutschen Härte", deren Begründer angeblich Rammstein sind. "Bayreuth 1" ist hart, aber nicht brachial hart sondern bedrückend und düster "hart". Mitunter einfach auch nur tieftraurig, so wie etwa das fast schon sphärische "Wintermärz", ein Lied über den bitteren Verlust einer geliebten Person. Man kann sich das von Witt beschriebene Szenario fast bildlich vorstellen. Etwas flotter und doch düster geht es auf "Treibjagd" zu. Der martialische Rhythmus treibt wirklich, die Gitarren flattern dazu böse und der hymnische Refrain reißt einen mit. "Trauma" hingegen ist nicht ganz so stark, auch wenn das gerrrollte RR hier bersonderrrs starrk zum Einsatz kommt. Auch der Refrain, bei dem Witt gesangliche Unterstützung von Nadja Saeger bekommt, hat Ohrwurmcharakter. Trotzdem fällt das Niveau dieses Tracks im Vergleich zu den anderen leicht ab.
Aber mit "Morgenstern" wird sogleich eine weitere Höhe erklommen. Die Bratzgitarren der Strofen entladen sich in einem dunklen, von einem herrlichen Keyboard Thema getragenen Refrain und lässt einige Schauer über den Rücken laufen. Als ob das noch nicht genug sei, folgt an Position 9 "Und...ich lauf", die zweite Single. Das Skandalöse Video schockiert damals die Öffentlichkeit, der Song allerdings überzeugt durch einen peitschenden Refrain. Höhepunkt Nummer drei, nach "Die Flut" und "Morgenstern".
Nach einigen bedrohlichen Ritten durch die Dunkelheit naht schließlich das fulminante Finale. Das extrem zornige und brachiale "Liebe und Zorn" schlägt einem deftig ins Gesicht, die Gitarren bratzen und der überdrehte Keyboard-Sound und der geschrieene Refrain zeigen nochmal deutlich, dass der Hauptprotagonist es auch laut kann.
Doch düster und bedrückend endet schließlich "Bayreuth 1". Das intensive Schlusstück "Venusmond" wirkt fast schon wie ein vertontes Gedicht. Einen erkennbaren Refrain gibt es nicht, stattdessen ergießt sich zwischen den Strofen ein erhabenes Keyboard-Thema. Ein sehr intensiver, bedrohlicher Schluss.
Mit "Bayreuth 1" verblüfft Joachim Witt alle Kritiker und zeigt, dass auch ein alternder NDW-Star doch noch im Stande ist, sich musikalisch zu wandeln. Man wirft ihm die Anpassung an die NDH an, aber das finde ich Quatsch. Das Album ist teilweise mit stechenden Gitarren ausgestattet, aber es setzt nicht auf oberflächliche Schockelemente, sondern schafft traurige und melancholische Stimmung. Ideal für einen verschneiten, kühlen Winterabend am Kamin mit einem Glas Wein. Diese Musik braucht Zeit sich zu entwickeln, der Hörer muss sich auf sie einlassen und das ist in der heutigen Zeit eine erfrischende Seltenheit. Ein Meisterwerk, das eigentlich 5 Sterne verdient hätte, auf dem sich jedoch mit "Träume, die kein Wind" verweht ein Totalausfall befindet und das deshalb nur mit 4 bewertet werden kann.
Trotzdem: Joachim Witt's eindrucksvolles Comeback (Fans werden sagen er war nie weg) aus dem Jahre 1998 ist auf jeden Fall der Beachtung Wert und kann vielleicht sogar den einen oder anderen, der Witt's Musik bisher kritisch gegenüberstand, vom Gegenteil überzeugen. Ich finde jedoch, dass "Bayreuth 1" einfach ein sehr stimmiges und vor allem düsteres Album für die gewissen Stunden ist!