Die hilfreichsten Kundenrezensionen
Pj 2008-11-04
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Inhaltlich läßt sich das Buch wie folgt zusammenfassen:
Erster Teil:
Onno, Max und Ada lernen sich kennen und reisen im Dialog durch ihre persönliche Geschichte und in echt durch die Welt, um letzendlich einen göttlichen Auftrag - nämlich die Zeugung Quintens - zu erfüllen. Herrlich geschrieben, unfaßbar, wie der Autor all diese Gedanken- und Handlungsstränge logisch und mit Leichtigkeit zusammenfaßt.
Zweiter Teil:
Die Gruppe wird scheinbar durch böses Schicksal auseinandergetrieben, wie der Leser weiß durch göttliche Vorsehung. Aus meiner Sicht der langatmigste Teil, denn er bildet eindeutig die Brücke zwischen dem gut komponierten Anfang und der Zielgeraden, der Geschichte Quintens.
Dritter Teil:
Quinten wächst auf. Wunderbar für Eltern, die in ihrem eigenen Kind auch immer wieder das Tiefe, Weise und Göttliche sehen. Außerdem ist die behütete Kindheit im Schloß einfach sehr schön beschrieben.
Vierter Teil:
Quinten erfüllt seinen göttlichen Auftrag und hört danach mysteriös dargestellt auf zu existieren. Hier wird das Buch fast schon Dan Brown'ish, eine echte Verschwörungstheorie die über Jahrhunderte weiterentwickelt wurde wird beschrieben. Man bekommt richtig Lust, auf den Spuren Quintens und Onnos durch Rom und Jerusalem zu wandeln und sich all die Steine, Gemälde und Gebäude vor dem Hintergrund ihrer im Buch beschriebenen tieferen Bedeutung
Ich erstarre auch diesmal in Ehrfurcht, wie es einem Schriftsteller gelingt, auf mehreren hundert Seiten - oder in diesem fall kanpp 1000 - mal eben die westliche Religionsgeschichte, Astronimie und Physik, die Bedeutung des Kommunismus sowie den Gottesbeweis in einem logischen, gut lesbaren Fluß, zusammenzufassen. Eben das hat Mulisch in seinem Buch getan und das Lesen macht von der ersten bis zur letzten Seite Spaß, sofern man Spaß am endlosen Diskurs zwischen verschiedenen Personen hat.
Dies sei gleichzeitig eine Warnung: Mulisch hat sehr redselige Charactere geschaffen, und Onno und Max finden in den ersten beiden Teilen gar kein Ende ihrer philosophischen Betrachtungen zu allen wichtigen und unwichtigen Dingen im Leben. Als durchschnittlich allgemeingebildeter Leser ist auch wirklich nicht immer nachzuvollziehen, ob die Fakten, die da aus den o.g. Bereichen zitiert werden eigentlich stimmen bzw. was sie ganz genau bedeuten. Und ab und an schleicht sich dann doch das Gefühl ein, Herr Mulisch mußte auch noch das letzte Bischen seines großen Wissens aufzeigen.
Daher auch nur die 4 und nicht die 5 Punkte - während das Burch brilliant geschrieben ist wird der Leser im Detail außen vor gehalten, denn das notwendige Grundwissen in all den verschiedenen Themenbereichen wird kaum ein durchschnittlich gebildeter Mensch mitbringen.
hartmutw 2008-11-03
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Angesteckt von einigen Lobeshymnen habe auch ich mich an die ,Entdeckung' gemacht. Vorab muss ich sagen, dass das Buch aller Einwände zum Trotz gut und flüssig lesbar ist - sperrig oder wirklich schwierig fand ich es nicht.
Dennoch habe ich mich nach den circa 900 Seiten gefragt, wozu das Ganze gut sein soll. Das Buch beginnt brillant, wie ein episches Zeitengemälde im Stil von Pasternak oder Tolstoi. Dazu kommt die amüsante Geschichte zweier exotischer Paradiesvögel, die sich eng anfreunden und zusammen durch eben diese Zeitwirren der 60er und 70er stolpern. Der Eine - Onno - erscheint dabei deutlich menschlicher, ja plastischer, als der eher blasse, introvertierte Gigolo Max. Die geistreichen Gespräche der Beiden und die turbulenten Ereignisse der Zeit - Studentenrevolte, Kubakrise und kalter Krieg, Holocaust und die Folgen in Holland - geben mehr als genug Stoff für ein intensives, unterhaltsames Lesevergnügen ab. Hinzu kommt ein durch zwei Erzähler aus dem ,off' geschickt angelegter Spannungsbogen, der auf einen höheren Sinn und Zweck hindeutet.
Genau dieser Sinn und Zweck kommt dem Buch aber - leider!!! - nach dem ersten Teil abhanden: Über knapp 400 Seiten wird dann nichts als Reifung und Erziehung des Nachwuchses erzählt, der eben diesen höheren Auftrag der beiden Erzähler erfüllen soll. Hier stellt sich der Junge als zwar introvertiert und eigenartig aber auch extrem intelligent, begabt, wissbegierig und später gebildet heraus. So wichtig diese Eigenschaften auch für den Fortgang der Handlung sind - über weite Teile der 400 Seiten wird eben nur diese Bildung und Entwicklung anhand zahlloser Beispiele und Episoden geschildert, die leider nicht so originell und farbig sind, wie die im ersten Teil. Diese beiden Mittelteile des Romans sind meines Erachtens recht blass ausgefallen - zwar macht Mulisch etliche Statements zum Thema Holocaust, Religion und verhandelt philosophische Fragen. Der Handlung dient dies aber nur bedingt und führt früher oder später zum Überlesen. Auch die detailverliebten Passagen, in denen architektonische oder historische bzw. religiöse Entwicklungen zerpflückt werden sind nur für Fachleute interessant.
Achtung vor dem Weiterlesen: Spoiler!
Im vierten Teil des Buchs nimmt die Geschichte dann endlich wieder Fahrt auf: Besagter Nachwuchs namens Quinten zieht aus um seinen untergetauchten Vater zu suchen. Er macht diverse Erfahrungen mit der rauen Wirklichkeit, bevor er völlig zufällig seinen Vater wieder findet. Inspiriert von dessen Exkursen zu Christen- und Judentum macht er sich auf die aus meiner Sicht völlig absurde Suche nach den beiden Gesetzestafeln Moses', die aus Rom zu stehlen und zurückzubringen (wohin auch immer) sind.
Im weiteren wird dieser Plan ausgeführt, gelingt auf mystische oder auch irreale Art und Weise und die Hauptgestalten des Epos verlöschen.
Dass die Handlung des Romans extrem konstruiert wirkt mag man Mulisch noch nachsehen, immerhin liefert er ja einen ,plausiblen' Grund dafür, den höheren Auftrag. Warum er aber über 400 Seiten lang auf der Stelle tritt und auch im letzten Teil mehr Religionsphilosophie betreibt als sich Handlung und Protagonisten zu widmen bleibt schleierhaft. Mit Ausnahme von Onno bleiben alle Protagonisten blass und wirken nicht immer glaubwürdig - etwa der völlig weltabgewandte, introvertierte Träumer Max, der zum Womanizer wird so wie ein Werwolf an Vollmond. Quinten, das höhere, ätherische Wesen ist ein hochbegabtes hyperintelligentes Wunderkind, das in seiner Neunmalklugheit und störrischen Eigenbrötlerei so nervig wirkt wie die ganzen Wunderkinder in Hollywoodfilmen. George Lucas und Steven Spielberg lassen hier grüßen.
Warum nur hat Mulisch seinen Ansatz nach dem ersten Teil so geändert? Bis dahin war es eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen hatte. Doch dann diese unnützen Suaden zu Themen verschiedenster Art, seitenlanger Stillstand in der Handlung, der vollkommen phantastische Schlussteil... ewig schade drum! Weniger wäre hier in der Tat mehr gewesen.
Dennoch gebe ich hier gute 4 Punkte, da ich Idee und Schreibstil des Autors einfach sehr mag und mir einige der Exkurse auch ganz gut gefallen haben. Der Leser sollte aber wissen, was er tut, oder sich hiermit antut...
Bookmoth 2008-10-24
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Mulisch hat in diesem Buch zu einem großen Wurf ausgeholt, der Roman ist kühn konstruiert und entfaltet ein üppiges Panorama der geistigen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den Niederlanden und der westlichen Welt der späten sechziger Jahre bis fast zum Jahrtausendende. Der Autor schildert nicht nur eindringlich sehr merkwürdige und interessante Menschen und Verhältnisse, sondern neigt auch zu teilweise wilden metaphysischen, philosophischen und wissenschaftlichen Spekulationen, die auch die Struktur des Romans bilden und ihn nicht wenig befrachten. Zur Struktur: Zwei himmlische Wesen, so etwas wie Engel, unterhalten sich in einer Rahmenhandlung, wobei der hierarchisch etwas tiefer stehende dem etwas höher stehenden berichten muss, was er in der Menschenwelt alles angestellt hat, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen: Er brauchte einen reinen Menschen, der die 10 Gebote, die Gott einst Moses und damit den Menschen übergeben hatte, wieder zurück in den Himmel holte. Denn nach Ansicht der Himmlischen ist die gesamte Menschheit der Verdammnis preisgegeben, weil sie mit der Entwicklung der empirischen Wissenschaft einen Pakt mit Luzifer eingegangen ist - die Menschen wollen gottgleich werden und haben den Pakt mit Gott vergessen.
Die Schilderung der Menschen und der Realität geht unter die Haut, man merkt: dies ist erlebtes Leben. In der Tat zeigt einem ein Blick in die Biografie des Autors sehr schnell, wieviel eigenes Lebensmaterial er in den Roman gepackt hat. Wie Max, der Astronom und Don Juan im Roman, war Mulisch ein Frauenheld und neigt zu wissenschaftlichen Spekulationen auf eigene Faust. Wie Max hat Mulisch eine jüdische Mutter und einen Vater von österreichischer Herkunft, der sich im Krieg von seiner Frau und seinem kleinen Sohn trennte und damit, so liest man, die beiden vor dem sicheren Tod rettete. Im Roman wird dieses Verhalten des Vaters allerdings als Verrat ausgelegt und Max muss sich in quälender Weise mit der Nazizeit beschäftigen. Wie Max und Onno, der exzentrische Spross aus einer kalvinistischen Politikerfamilie, im Roman unzertrennliche Freunde und Geistesverwandte sind, so gab es auch in Mulischs Leben eine solche intensive Freundschaft, und wie Quinten, der erwählte Junge im Roman, der die Gesetzestafeln in Rom aufspürt und in einer Traumszene nach Jerusalem auf den Tempelberg in den Felsendom zurückbringt, so war wohl auch Mulisch ein ähnlich hochbegabter, ungewöhnlicher Junge. Die Menschen selbst und ihre Beziehungen sind, wie gesagt, hochinteressant, die geistvollen und gebildeten Gespräche zwischen ihnen und Reflexionen sind immer mit Gewinn zu lesen, egal ob es um die Themen Willensfreiheit, das Phänomen der Macht oder einen naturwissenschaftlichen Gottesbeweis geht, wir hören durchweg die Stimme eines engagierten und menschlich fühlenden Autors, aber die zunehmende Fantastik im Roman ist dann schon eine Zumutung.
Wie Quinten Moses' Gesetzestafeln in Rom aufspürt und mit seinem Vater Onno klaut, das ist der reinste Architekturkrimi - wenn es so etwas gibt - und im Stil eines trivialen Karl-May-Schmökers geschrieben. Die Szene, in der der Junge die Tafeln zurückbringt und dem Irdischen entrückt wird, artet in eine Art Fantasy-Story aus. Das mag man alles durchaus goutieren, aber es ist schon insgesamt eine etwas krude Mischung aus Wirklichem und Erdachtem. Auch in der Schilderung der wirklichen Ereignisse ist Mulisch nicht zimperlich und durchaus unverfroren: Die Geliebte der beiden Freunde, Ada, wird just in dem Moment von einem Baum erschlagen, als es dem Autor in den Kram passt, oder Max wird sang- und klanglos gewissermaßen weggeräumt, indem er von einem Meteoriten erschlagen wird (- kann ja sein, oder?). Und Quinten wird nachts mit den Schlössern vor dem Altar, unter dem die Tafeln seit Hunderten von Jahren versteckt ruhen, mit Hilfe einiger Dietriche mit der gleichen traumhaften Sicherheit fertig, wie Old Shatterhand mit irgendwelchen Problemen. Aber dennoch, es lohnt sich, sich durch die 800 Seiten zu ackern, und gibt es Durstrecken in diesem Buch, so gibt es darin auch genug zu trinken.
Anne 2008-09-10
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Als ich dieses Buch vor - ja, schon vor 15 Jahren - zum ersten Mal gelesen habe, war ich überzeugt, es sei das beste Buch, das ich je gelesen hatte, ja, ein "Jahrhundertbuch". Nun, nach so langer Zeit, wollte sich dieselbe Begeisterung natürlich nicht mehr einstellen (zu grosse Erwartungshaltung). Aber ich konnte mich all die Jahre immer an die Charaktere und ihre Namen erinnern, das bedeutet für mich, dass sie mich stark angerührt haben. Ausserdem gefiel mir, dass man ganz beiläufig vieles über Kunst,Geschichte, Religion lernt bzw. Lust bekommt, mehr darüber zu erfahren.
Polar 2008-08-23
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Wer in den Himmel schaut, hofft aufs Glück, auf Hilfe, auf Ratschläge, nicht selten auf Erlösung. Das ist in Harry Mulischs Opus Magnum nicht anders. Zumal wenn Engel sich um einen bemühen, im Himmel über die Menschheit da unten diskutiert wird. Die Handlung dreht sich um eine Männerfreundschaft zwischen zwei Wissenschaftlern und zeichnet das Leben in den Niederlanden von den Sechzigern bis in die Neunziger Jahre nach. Wo die Wissenschaft danach drängt, durch ihre Erkenntnisse die Nichtexistenz Gottes zu beweisen, zementiert die Religion seine Gegenwart durch die Zehn Gebote. Mulisch zieht aus diesem Spannungsverhältnis eine amüsante und lehrreiche Geschichte, deren Versöhnung durch den Einschlag eines Meteoriten verhindert wird. Die Liebe zu einer Frau verbindet Max Delius und Onno Quist über all ihr Philosophieren, Studieren, Debattieren hinweg. Dass ein Dreiecksverhältnis nicht dazu angetan ist, einem das Leben zu erleichtern, liegt auf der Hand. Es bleibt ein Mysterium, umso mehr je mehr man über sich entdeckt. Dass die Zehn Gebote dabei am Ende von der Müllabfuhr entsorgt werden, beschreibt einen weiteren Höhepunkt in Mulischs Kosmos. Der Mensch soll sich nicht zu ernst nehmen. Er nimmt sich auch so schon wichtig genug. Ein wunderbarer, wissensreicher Schmöker und glänzende Literatur hinzu.
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