Bianca Wenzel 2008-10-20
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An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich im Alter von zwölf Jahren zu dem, der ich heute bin. Ich erinnere mich noch genau an den Moment: Ich hockte hinter einer bröckelnden Lehmmauer und spähte in die Gasse in der Nähe des zugefrorenen Bachs. Viel Zeit ist inzwischen vergangen, aber das, was man über die Vergangenheit sagt, dass man sie begraben kann, stimmt nicht. So viel weiß ich nun. Die Vergangenheit wühlt sich mit ihren Krallen immer wieder hervor. Wenn ich heute zurückblicke, wird mir bewusst, dass ich die letzten sechsundzwanzig Jahre immerzu in diese einsame Gasse gespäht habe.
Afghanistan, 1975. Der Paschtune Amir ist 12 Jahre jung und wächst sehr wohlbehütet in Kabul auf. Sein Vater ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der Familie geht es finanziell gut und kann sich Diener leisten. Einer von ihnen ist der Hazara Ali, der gemeinsam mit seinem, ebenfalls 12 Jahre alten Sohn Hassan, in einer Hütte hinter dem wundervollen Haus lebt.
Die zwei Jungen sind unzertrennlich gute Freunde und verbringen jede freie Minute miteinander. Sie wissen nicht, dass sie eigentlich noch viel mehr miteinander verbindet. Doch ist es keine gleichgestellte Freundschaft, Amir bestimmt, wo es lang geht, Hassan führt es aus und riskiert viel für seinen geliebten Freund Amir. Amir liebt lesen und schreibt gerne Geschichten, er liebt es, seinem Freund vorzulesen, doch sein Vater würde viel lieber sehen, wenn er Fußball spielen würde oder Drachen steigen lassen würde. Hassan kann nicht lesen und auch nicht schreiben und Amir fällt es auch nicht ein, seinem Freund dies beizubringen. Über Kabul flogen viele bunte Drachen, in zahlreichen Wettbewerben wurde der beste Drachenläufer ermittelt. Amir und Hassan haben nur ein Ziel, sie wollen den wichtigsten Wettbewerb gewinnen und tun alles dafür, ihr großes Ziel zu erreichen. Amir will einmal Respekt von seinem Vater. Niemand ahnt, dass dies der letzte Tag ihrer Freundschaft sein wird. Amir verrät seinen Freund auf schändlichste Art und Weise. Ihre Freundschaft ist kaputt.
Im vergangenen Sommer rief mich eines Tages mein Freund Rahim Khan aus Pakistan an. Er bat mich, ihn zu besuchen. Während ich in der Küche stand und den Hörer ans Ohr hielt, wusste ich, dass das da am Telefon nicht nur Rahim Khan war. Es war die ungesühnte Schuld meiner Vergangenheit. Nachdem ich aufgelegt hatte, machte ich einen Spaziergang entlang dem Spreckels Lake am nördlichen Rand des Golden Gate Parks. Die frühe Nachmittagssonne glitzerte auf dem Wasser, wo Dutzende von Spielzeugbooten, von einer frischen Brise angetrieben, dahinsegelten. Als ich aufblickte, entdeckte ich am Himmel zwei Drachen rot mit langen blauen Schwänzen. Sie tanzten hoch oben über den Bäumen am westlichen Ende des Parks, schwebten Seite an Seite wie ein Augenpaar, das auf San Francisco hinunterblickte, die Stadt, die ich heute mein Zuhause nenne. Und plötzlich flüsterte Hassans Stimme in meinem Kopf: Für dich tausendmal. Hassan mit der Hasenscharte, der so gern Drachen steigen ließ.
Heiligabend 1979 beginnt die Katastrophe für Afghanistan, einer von viel zu vielen Kriegen beginnt. Amir und sein Vater fliehen in die USA und bauen sich dort ein komplett neues Leben auf. Doch wird Amir verfolgt jahrelang von seinen Schuldgefühlen, er kann den Tag nicht vergessen, an dem seine unvergessliche Freundschaft zu Hassan zerbrach. Da klingelt das Telefon, Ali ist am anderen Ende. Amir reist in seine geliebte Heimat, die ihm so fremd geworden ist. Afghanistan wird von den Taliban regiert, er erkennt seine Heimat nicht wieder. Doch kann er alles wieder gutmachen, was damals geschehen ist? Wird er Hassan wiedersehen?
Drachenläufer ist die zutiefst bewegende Geschichte einer Freundschaft. Es ist zugleich die Erinnerung an ein Afghanistan ohne Krieg, an ein Volk, dem Bildung, Kultur und Friede wichtig war. Der Bestseller ist aber auch eine Parabel über Verrat, Scham und Wiedergutmachung. Hosseini lässt uns teilhaben an einem Leben in einem wunderbaren Land, an friedvollem Alltag in Kabul, aber auch an dem Leben unter der Tyrannei der Taliban. Drachen spielten eine wichtige Rolle im Leben der Afghanen, Hosseini erläutert hier in seiner Geschichte warum und wieso die Taliban die Drachen schnellstmöglich verboten.
Dieses Buch ist eine Geschichte, die aus einem Volk von Geschichtenerzählern stammt, was man in jedem Satz merkt. Man kann lachen, man will weinen, ist traurig, froh und erschüttert.
Ich setzte mich auf eine Parkbank in der Nähe einer Weide und dachte über etwas nach, was Rahim Khan, kurz bevor er auflegte als wäre es ihm im letzten Moment noch eingefallen -, gesagt hatte. Es gibt eine Möglichkeit, es wieder gutzumachen. Ich blickte zu den beiden Drachen hinauf. Ich dachte an Hassan. An Baba. An Ali. An Kabul. Ich dachte an das Leben, das ich geführt hatte, bis jener Winter des Jahres 1975 kam und alles veränderte. Und mich zu dem machte, der ich heute bin.
Markus Hoffmann erzählt diese zutiefst menschliche und poetische Geschichte so, dass 650 Minuten vorbeiziehen, man gemeinsam mit Amir und Hassan durch Afghanistan streift, mit Hassan leidet und Amir nicht immer verstehen kann. Nach dem letzten Ton will man am liebsten nochmal alles hören, so warmherzig und feinfühlig erzählt der Sprecher. Es ist eine Geschichte, die man nie mehr vergisst, schon gar nicht nach dieser einfach wundervollen Lesung. Alle, die das Buch geliebt haben, werden es danach noch mehr lieben!
Drachenläufer ist eine autorisierte Hörfassung auf neun CDS mit einer Laufzeit von ca. 650 Min. Besonders interessant ist das Interview mit Khaled Hosseini im Booklet.