tetaro 2008-07-14
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Bei "Die Welle" handelt es sich um die literarische Aufarbeitung eines Unterrichtsversuchs, der in ähnlicher Form tatsächlich stattgefunden hat. Ein Lehrer versucht seinen Schülern, die Entstehung des Faschismus zu zu veranschaulichen, indem er zunächst lediglich Strukturen von Disziplin und Gemeinschaft erzeugt, die die Schüler begeistern, im weiteren Voranschreiten jedoch zu für den Faschismus typischen Ausschreitungen führen (Übergriffe auf andere in Wort und Tat). Beunruhigend - und auch überraschend für den Lehrer - ist, dass das Experiment eine erhebliche Eigendynamik entwickelt, und nur schwer abzubrechen ist.
Hierdurch wird den Schülern und den Lesern deutlich gemacht, dass prinzipiell jeder für entsprechende Denkweisen anfällig ist.
Das Buch ist in einfacher und verständlicher Sprache geschrieben und kann schnell durchgelesen weren.
Was positiv hervorzuheben ist, ist, dass eindringlich verdeutlicht wird, dass Strukturen von Faschismus und Nationalsozialismus keine historisch einmaligen Vorgänge sind, die womöglich dem Geist eines einzelnen Psychopathen entsprungen sind, sondern dynamische Entwicklungen, die beim Vorliegen von gewissen Voraussetzungen "zünden" können. Hieraus ist die Aufforderung fortwährender Aufmerksamkeit abzuleiten, solche Entwicklungen vorauszusehen und ihnen bei gegebenem Anlass frühzeitig entgegenzutreten.
Was das Buch allerdings nicht leisten kann, ist, auf Besonderheiten des deutschen Nationalsozialismus einzugehen. Beschränkt sich die Entwicklung im Buch auf die Schritte: Disziplin - Gründung einer "Bewegung" - Rekrutierung Außenstehnder mit "Druck" - Ausgrenzung und Bekämpung nicht rekrutierbarer Personen; so war die Besonderheit in Deutschland ein ausgeprägter Rassismus, der große Volksgruppen a priori zu "Feinden" erklärt hat und sie von der Einbeziehung in das System ausgeschlossen hat.
In der Folge beschäftigte sich der deutsche Faschismus größtenteils mit der Bekämpfung dieser "Feinde", ohne überhaupt den Versuch zu unternehmen, diese in das System zu integrieren, woraus sich noch ein erheblich größeres Gewaltpotenzial ergab, als es durch diesen Versuch angedeutet wird. Ob diese Eigenschaft des deutschen Faschismus mit dem Experiment erfasst werden kann, ist für mich fraglich.
Um diesen Punkt zu klären, müsste man noch die Entwicklung des Rassismus beleuchten und noch weiter in die gesellschaftlichen Voraussetzungen einsteigen. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch andere System ähnliche Ausgrenzungen unter anderer Nomenklatur betrieben haben, z.B. galten im Kommunismus bestimmte Klassen ebenso von vornherein als feindlich.
Der zweite Punkt, der etwas ungeklärt bleibt, ist die Beleuchtung der Frage, ob das Experiment schon ganz am Anfang Faschismus erzeugt hat, oder ob es einen Punkt gegeben hat, an dem die zunächst positiv empfundene Hinwendung zu Disziplin und Gemeinschaft "abgeglitten" ist. Man könnte aus dem Geschilderten entnehmen, dass bereits die Praktizierung von Disziplin und Gemeinschaft eine Form von Faschismus ist, und möglicherweise tut man diesen im Prinzip positiven Haltungen unrecht, wenn man ein späteres "Umschlagen" solcher Verhaltensweisen in Gewalttätigkeiten als unausweichlich begreift.
Allerdings kann man solche weitreichenderen Untersuchungen in der Kürze dieser Seiten nicht erwarten. Im Rahmen der Möglichkeiten beleuchtet das Buch wesentliche Punkte und ist äußerst hilfreich im Erzeugen von Aufmerksamkeit, weshalb es auch fünf Sterne verdient hat.